„Armutszeugnis“

08.04.2020/EG
Quelle: Otto Brenner Stiftung (OBS), Frankfurt am Main

Bernd Gäbler, Medienwissenschaftler an der FHM in Bielefeld, untersuchte die TV-Sendungen, die in Deutschland das Bild von Armut und sozialer Ungerechtigkeit erzeugen

„Dass es in Deutschland Armut gibt, wird zwar nur selten geleugnet, aber Konjunktur hat die Berichterstattung darüber dennoch nicht. Im Fokus stehen meist andere Themen. Gegenwärtig dominieren Klimapolitik, Globalisierung und Digitalisierung, Flucht und Integration sowie bis auf Weiteres die Corona-Pandemie die politische und mediale Agenda. Wenn aber das fundamentale Problem der sozialen Ungleichheit ins Hintertreffen medialer Aufmerksamkeit gerät, dann verrät dies eine eingeschränkte Perspektive.
Der Sender RTL II hat es zum Wesenskern seines Programms gemacht, von den „Unterschichten“ für die „Unterschichten“ zu berichten. Die Analyse dieser Formate zeigt: Die Berichte sind einseitig und klischeehaft, manipulativ und diffamierend. RTL nähert sich mit einigen Sendungen dieser Art Fernsehen versuchsweise an. (…). In den Programmen von ARD und ZDF ist Armut zwar Thema in einzelnen journalistischen Berichten, in Reportagen, doch kaum noch in längeren Dokumentationen. In fiktionalen Produktionen kommt sie allenfalls sporadisch vor. Es gibt keinen koordinierten, systematischen oder nachhaltigen Umgang mit diesem gesellschaftlich relevanten Thema. (…). Es ist für eine Gesellschaft von großer Bedeutung, wie das Thema Armut medial bearbeitet wird. Das ist natürlich eine Frage der Haltung, zu der unbedingt die vorurteilsfreie Recherche gehört, aber insbesondere ein respektvoller Umgang mit den Betroffenen selbst. Sie dürfen nicht nur Objekt der Berichterstattung sein, sondern müssen einbezogen werden in die Erarbeitung journalistischer und ethischer Standards für das Schreiben und Berichten über Armut.“
Das OBS-Arbeitspapier „Armutszeugnis – Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt“ lesen Sie hier otto-brenner-stiftung.de.

In Deutschland setzt sich seit 1991 die Nationale Armutskonferenz (nak) für eine aktive Politik der Armutsbekämpfung ein. Die Nationale Armutskonferenz engagiert sich für eine größere mediale Aufmerksamkeit rund um das Thema Armut in Deutschland.

Wohnen: Entwicklung der Mietkosten

08.04.2020/EG
Quelle: Deutscher Bundestag, Berlin

Entwicklung der Angebotsmieten von Wohnungen bei Wiedervermietung und Erstvermietung

Nach einer Mitteilung der Bundesregierung wird in der Wohnungspolitik das Ziel verfolgt, „dass Mieten bezahlbar und sozialverträglich bleiben und der Bestand an bezahlbarem Wohnraum gesichert wird“, jedoch ohne Definition für die Begriffe „bezahlbar“ und „sozialverträglich“.

Die Entwicklung der Angebotsmieten von Wohnungen bei Wiedervermietung in über 50 Städten im Zeitraum 2012 bis 2019 lesen Sie hier bundestag.de. (Seite 3f)

Die Entwicklung der Angebotsmieten von Wohnungen bei Erstvermietung in über 50 Städten im Zeitraum 2014 bis 2019 lesen Sie hier bundestag.de. (Seite 8ff)

Buchtipp: Mein fremder Wille

03.04.2020/EG

Gisela Schmalz: Mein fremder Wille
Wie wir uns freiwillig unterwerfen und die Tech-Elite kassiert

Sachbuch (Demokratie, Digitalisierung, KI, Recht, Wirtschaft)

„Ein paar gleichgesinnte, überreiche CEOs aus Silicon Valley und aus China spielen derzeit Gott. Sie arbeiten daran, alles zu automatisieren, was automatisiert werden kann. Und wir spielen alle mit, wickeln unser Berufs-, Sozial- und Liebesleben über ihre Algorithmen ab und werden dabei zu ihren Komplizen.
Was macht die Faszination der Datenjongleure aus? Warum lassen wir uns von tech-kontrollierenden Machtcliquen fremdbestimmen? Internetexpertin Gisela Schmalz zeigt, wie wir mit KI, Robotern oder Neurospielzeugen zunehmend in ferngesteuerte Mensch-Maschinen verwandelt werden. Und sie liefert Ideen zum Widerstand gegen das libertäre Gesellschaftsbild, das die immer weiter abhebende Tech-Elite weltweit über ihre Innovationen durchsetzt.“ Weiterlesen

Hörfunk-Tipp: „Eigentumsreligion“

29.03.2020/EG
Quelle: Deutschlandfunk (DLF), Berlin

Radio-Essay von Timo Rieg über den Besitz von Grund und Boden

Vor wenigen Monaten also, mit 93 Jahren im zwölften Stock eines Seniorenstifts lebend, veröffentlichte Hans-Jochen Vogel ein Plädoyer für eine „neue Bodenordnung“. Titel: „Mehr Gerechtigkeit!“ – mit Ausrufezeichen. Und darin formuliert er eine „Grundeinsicht“:
„Grund und Boden ist keine beliebige Ware, sondern eine Grundvoraussetzung menschlicher Existenz. Boden ist unvermehrbar und unverzichtbar. Er darf daher nicht dem unüberseh¬baren Spiel der Marktkräfte und dem Belieben des Einzelnen überlassen werden, sondern muss mehr noch als alle anderen Vermögensgüter in den Dienst der Interessen der Allgemeinheit gestellt werden.“ deutschlandfunk.de

Buchtipp: Die neuen Biedermenschen

27.03.2020/EG

Karl Kollmann: Die neuen Biedermenschen
Von der 68er-Rebellion zum linksliberalen Establishment

Sachbuch (Gesellschaft, Soziologie)

„Der Soziologe Karl Kollmann zeichnet nach, wie es dazu kommen konnte, dass aus dem Wunsch nach Befreiung in nur zwei Generationen wiederum ein gesellschaftliches Korsett geschnürt wurde, das enge Lebensmuster vorgibt. Diese folgen nun nicht mehr rechtskonservativen, sondern linksliberalen Verhaltensregeln, die allerdings ebenso peinlich eingehalten werden (müssen) wie einst jene der Elterngeneration.
Die kollektive Kampfkraft der 68er-Generation gegen Krieg und Militarisierung und für Gleichberechtigung ist weitgehend verpufft. An ihre Stelle ist eine Individualisierung getreten, die Gesellschaft oft als Dienstleistung für den Einzelnen/die Einzelne betrachtet. Als Treibmittel für diesen Übergang zum neuen Biedermenschen ortet der Autor Konsumismus und Kommerzialisierung so gut wie aller Lebensbereiche. Diese Kapitalkraft sei von den 68ern schlicht übersehen oder zumindest unterschätzt worden.
Dem neuen linksliberalen Establishment ist es gelungen, kulturelle Hegemonie und mediale Meinungsführerschaft zu erlangen. Gepaart mit entsprechendem Arbeitsethos lässt es sich in den oft engen städtischen Zirkeln als Mittelschicht gut leben.
Die soziale Frage spielt folgerichtig eine untergeordnete Rolle. Stattdessen wird das Hohelied auf Diversität und Multikulturalität gesungen, wobei man die eigenen Kinder doch lieber in den privaten Kindergarten und die bessere Schule fernab von den sozialen Brennpunkten der Ausländerviertel schickt, die so nicht genannt werden. Die verordnete sprachliche Korrektheit hilft dabei mit, die gesellschaftliche Realität zu verdecken.
Karl Kollmann demaskiert eine sich selbst als postmateriell darstellende neue Mittelschicht, die ihr 68er-Erbe dazu verwendet, sich wohlig in städtischen Gesellschaftsblasen einzurichten.“ Weiterlesen