Sozialwesen in Deutschland: Niedrige Löhne in einem rasant wachsenden Wirtschaftszweig

18.04.2018/EG aus dem Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin

DIW-Studie Sozialwesen: Beschäftigte leisten hohe Arbeitsintensität bei niedrigem Lohnniveau / Nur in Estland, Griechenland, Kroatien, Rumänien und Großbritannien liegen die Löhne – im europäischen Vergleich – so weit unter dem nationalen Durchschnitt wie in Deutschland

„Die Wirtschaftsleistung im Sozialwesen, zu dem insbesondere die ambulante und stationäre Altenpflege sowie die Kinder- und Jugendhilfe gehören, ist zwischen 1991 und 2015 überdurchschnittlich gestiegen: um 140 Prozent. In der gesamten Wirtschaft waren es 40 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten hat sich in diesem Bereich seitdem fast verdoppelt, während sie in der gesamten Volkswirtschaft lediglich um elf Prozent stieg. Die Löhne im Sozialwesen erreichen indes nur etwa 60 Prozent des durchschnittlichen Lohnniveaus in Deutschland – und das, obwohl die Nachfrage nach qualifizierten Kräften vor allem im Bereich der Pflege wächst. Seit 2012 spiegelt sich dies nun auch in stärker steigenden Löhnen wider. (…)

Grundsätzlich bedarf es einer Diskussion darüber, was die Leistungen des Sozialwesens der Gesellschaft heute und in der Zukunft wert sein sollen. Denn die Entscheidungen über die Preise hängen in erheblichem Maße von der Politik ab.“

Karl Brenke, Studienautor: „Man hat hier einen typisch hausgemachten Fachkräftemangel, und es wird schwierig sein, diesen bei den gegenwärtigen Ausgaben für das Sozialwesen zu bekämpfen.“ diw.de

Pflege-Notstand: Ein Ergebnis regierungspolitischer Fehlleistungen

26.03.2018/EG

Immer mehr hilfsbedürftige alte Menschen werden von immer weniger und zunehmend überforderten Pflegern ‘versorgt‘ / Ökonomisierungseffekte verschärfen Pflege-Notstand

Immer mehr Menschen in Deutschland werden älter und pflegebedürftig. Für (Kapital-)Investoren ein organisch wachsender und somit renditeversprechender Markt. Für Bundesregierungen eine haushaltspolitische Kostenmasse mit einer dynamischen Komponente.

Stefan Sell, Sozialwissenschaftler, im Interview bei ‘3sat‘: „Wenn man es zulässt, mit alten Menschen auch Gewinne zu erwirtschaften – so wie mit einer Autofabrik – dann muss man sich auch nicht wundern, über die Ökonomisierungseffekte, die in der Autofabrik vielleicht ganz gut gehen (Produktivitätssteigerung, Rationalisierung), die aber im Altenheim dazu führen, dass wir das bekommen, was wir dann als Pflegemissstände in der Versorgung beklagen müssen.“ 3sat.de

Video (29 Minuten) von ‘3sat makro‘ zum “Pflegedilemma“ 3sat.de.

Zum Betrieb einer Pflegeeinrichtung werden rund 74 Prozent der (Betriebs-)Kosten für die Mitarbeiter aufgewendet, davon 57 Prozent alleine für die Pflege- und Betreuungskräfte. bwkg.de

Pflege: Leicht verdientes Geld – für Investoren

26.11.2017/EG aus der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft DELOITTE GmbH, München

Deloitte Pflegeheim Rating Report 2017 sieht Marktvolumen bis 2030 von derzeit etwa 47 Mrd. Euro auf über 66 Mrd. Euro ansteigen – Erwarteter Mehrbedarf an vollstationären Pflegeplätzen: 400.000

„Der Anteil der Neuzugänge im Pflegeheim, die direkt aus dem Krankenhaus überwiesen werden, hat sich innerhalb von zehn Jahren auf über 70 Prozent mehr als verdoppelt. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Pflegebedürftigen der leichtesten Stufe 1 in den Pflegeheimen kontinuierlich zu (von ca. 30% auf nahezu 40%). (…)
Mit knapp 47 Mrd. Euro ist der Pflegemarkt der am stärksten wachsende Bereich im gesamten Gesundheitsmarkt. Dabei ist die wirtschaftliche Lage der Pflegeheime relativ gut: … das durchschnittliche Heim erwirtschaftete 2015 ein EBITDAR (Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen, Amortisation und Mieten) von 14% der Erlöse.“ deloitte.com

Zum Thema

Pflege: Schwer erarbeitetes Geld – für Pflegekräfte

Stefan Sell, Sozialwissenschaftler: „Und wir müssen uns nicht nur um die größer werdende Zahl an Senioren kümmern, auch die Pflegebedürftigen werden mehr. Und hier wird besonders erkennbar, dass unser System auf Selbst-und Fremdausbeutung basiert und ohne diese zusammenbrechen würde. Wir haben mittlerweile über 3 Million Pflegebedürftige. Mehr als 70 Prozent werden zu Hause betreut, nicht in Heimen, viele ausschließlich von Angehörigen, häufig Frauen, die dann selbst einen hohen Preis zahlen müssen. Und in vielen dieser Haushalte arbeiten geschätzt 200.000 Osteuropäerinnen, vom Wohlstandsgefälle in unser Land gezogen, niemals zu legalen Bedingungen. Und die derzeit schon 800.000 in Pflegeheimen untergebrachten Menschen sind mit oftmals menschenunwürdigen Bedingungen konfrontiert. Derzeit wird überall eklatanter Personalmangel in den Heimen beklagt. Nicht nur in Bremen gibt es Belegungssperren, weil dort weniger als 50 Prozent des Personals Fachkräfte sind.“ aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de

Regierungsverantwortung im Rückblick:

  • 2013 bis 2017 CDU/CSU und SPD
  • 2009 bis 2013 CDU/CSU und FDP
  • 2005 bis 2009 CDU/CSU und SPD
  • 1998 bis 2005 SPD und Bündnis90/Die Grünen
  • 1982 bis 1998 CDU/CSU und FDP
  • 1974 bis 1982 SPD und FDP

Wie geht es uns denn heute?

12.11.2017/EG aus der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Peris/Berlin

OECD-Report ‘Gesundheit im Überblick 2017‘ weist auffällige Daten für Deutschland auf: Hoher Alkoholkonsum, hoher Tabakkonsum, hohe Adipositasrate, hoher Verbrauch an Blutdrucksenkern und Mangel an Pflegekräften

Am Freitag (10.) veröffentlichte die OECD den Report ‘Gesundheit im Überblick 2017‘. In dem Report werden ausgewählte Risikofaktoren der OECD-Staaten dargestellt, auch die Risikofaktoren in Deutschland:

Legale Drogen

Obwohl in den letzten Jahren Fortschritte bei der Verringerung ungesunder Verhaltensweisen erzielt wurden, liegen die Rauchentwicklung (21%) und der Alkoholkonsum (11 Liter pro Jahr) immer noch über dem OECD-Durchschnitt.

Adipositas

Die Adipositasraten (ab BMI 30) sind gestiegen und liegen über dem OECD-Durchschnitt für Erwachsene (D: 23,6% / OECD: 19,4%) und 15-Jährige (D: 16% / OECD: 15,6%).

Pflege

Obwohl die Zahl der Pflegekräfte in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen hat, liegt sie derzeit noch unter der Quote der Pflegekräfte vieler anderer OECD-Länder. So liegt die Quote in Deutschland bei 5,1 Arbeitnehmern je 100 Personen ab 65 Jahren. In Schweden und Norwegen liegt die Quote bei 12 bzw. 13 Arbeitnehmern je 100 Personen ab 65 Jahren.

Blutdrucksenkende Arzneimittel

In keinem Land gab es zwischen 2010 und 2015 eine größere Steigerung bei der Verschreibung blutdrucksenkender Medikamente wie in Deutschland. oecd.org

Umfassende Daten zur Gesundheits-Statistik 2017 finden Sie hier oecd.org.

Pflege: Premium für wenige – Albtraum für die Masse

22.10.2017/EG aus dem Blog AKTUELLE SOZIALPOLITIK, Remagen

Stefan Sell, Sozialwissenschaftler, über pflegende Angehörige zwischen großer Politik und institutionalisierter Pflege

„Gerade der Blick auf die das Gesamtsystem tragenden pflegenden Angehörigen zeigt einmal mehr, dass wir einen großen und weit ausgreifenden Wurf in der Pflegepolitik brauchen, der dann auch noch eingebettet werden muss in die anderen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die um uns herum ablaufen. Sollte das erneut verweigert oder nicht geleistet werden können, dann sollten sich vor allem die Baby-Boomer der 1950er/1960er Jahre darauf einstellen, dass die einen, die es sich leisten können, in abgeschottete Premium- und Luxusversorgungsreservate flüchten, für die große Masse aber ein Albtraum Realität werden wird.“ aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de