Ungleichheit: Davos – Gipfeltreffen der Heuchler?

22.01.2018/EG

Branko Milanovic, Wirtschaftswissenschaftler, über das World Economic Forum in Davos

„Diese Rückkehr zu den Arbeitsbeziehungen und der Steuerpolitik des frühen 19. Jahrhunderts wird bizarrer Weise von Menschen angeführt, die die Sprache der Gleichheit, des Respekts, der Teilhabe und der Transparenz sprechen. (…) Es ist einfach so passiert, dass die Sprache der Gleichberechtigung in den letzten fünfzig Jahren oder mehr für die Verfolgung der strukturell ungerechtesten Politiken genutzt wurde. Und in der Tat ist es viel lukrativer, Journalisten anzurufen und ihnen von den nebulösen Schemen zu erzählen, nach denen 90 Prozent des Reichtums über eine unbekannte Anzahl von Jahren und unter unbekannten Buchhaltungspraktiken als Wohltätigkeitsorganisation verschenkt werden, als Lieferanten und Arbeitnehmern angemessene Preise zu zahlen oder den Verkauf von Informationen über die Nutzer von Plattformen einzustellen. Es ist billiger, einen Aufkleber über den fairen Handel anzubringen, als auf die Verwendung von Null-Stunden-Verträgen zu verzichten.
Sie sind abgeneigt, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen, aber sie werden ein philharmonisches Orchester finanzieren. Sie werden Gewerkschaften verbieten, aber sie werden einen Workshop über Transparenz in der Regierung organisieren.“ glineq.blogspot.de

Ergänzung am 23.01.2018 zum Thema:

Global Wealth Report des Credit Suisse Research Institute (CSRI): Weltweite Gesamtvermögen erreicht 280 Billionen US-Dollar, plus 27 Prozent seit Ausbruch der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt. In Deutschland sind 1,96 Millionen Personen (US)Dollar-Millionäre, ein Zuwachs von 237 Personen bzw. 13,8 Prozent gegenüber 2016. Darunter sind rund 7.200 Personen mit einem Vermögen von mindestens 50 Millionen USD (+ 7,5 % gegenüber 2016). credit-suisse.com

Ein Blick nach Tunesien

17.01.2018/EG

IWF gewährt Tunesien Kredit in Höhe von 2,4 Mrd. Euro / Der Preis: Austerität

„Der Internationale Währungsfonds gewährt bis 2020 Kredite in Höhe von 2,4 Milliarden Euro, fordert aber im Gegenzug, dass der Staat sich massiv aus der Wirtschaft und seiner Rolle als Arbeitgeber zurückzieht. Das jedoch hat verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen – speziell für die Menschen im strukturschwachen, weil schon immer vernachlässigten Landesinneren.“ qantara.de

Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn (Salaire Minimum Garantie – SMIG liegt aktuell bei TD 352 (ca. 143 Euro). auwi-bayern.de (Seite 8)

„Laut einer aktuellen Untersuchung des Sozialministeriums leben rund 24% der Bevölkerung in Armut, d.h. sie leben von weniger als dem staatlichen Mindestlohn.“ liportal.de

„Die Regierung muss die Einnahmen mobilisieren und das Wachstum der laufenden Ausgaben eindämmen, um dringend benötigte Investitionen und Sozialausgaben, einschließlich Ausgaben für Gesundheit und Bildung, zu finanzieren. Diese Maßnahmen, einschließlich Steuererhöhungen und einer verstärkten Steuererhebung, können kurzfristig schaden, sind aber für die wirtschaftliche Stabilität und das Wirtschaftswachstum unerlässlich. (…) Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen ist es wichtig, die Schwächsten zu schützen, indem ein angemessener Sozialschutz gewährleistet wird, und sicherzustellen, dass die Lasten gerecht auf die Gesellschaft verteilt werden.“ imf.org (Internationaler Währungsfonds/IWF/IMF)

Ungleichheit wird größer

16.01.2018/EG aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin

DIW: Spreizung der Bruttoeinkommen hat seit der Wiedervereinigung zugenommen – Oberstes Ein-Prozent steigert Anteil am Volkseinkommen seit 1995 von acht auf 13 Prozent

„Der Einkommensanteil der unteren 50-Prozent sank von 26 Prozent im Jahr 1995 auf knapp 17 Prozent im Jahr 2013. Gleichzeitig erhöhte sich der Einkommensanteil der obersten Zehn-Prozent von 32 auf 40 Prozent.
(…)
Wenn man politische Maßnahmen gegen eine zunehmende Spreizung der Markteinkommen in Deutschland ergreifen möchte, müsste man die Teilhabe unterer Einkommensgruppen an der Unternehmensrendite verbessern.“ diw.de

Rente: Regierungsparteien und die Alterssicherung

15.01.2018/EG

Theoretische Ansätze aus den Wahlprogrammen der Regierungsparteien zum Thema ‘Rente‘:

Christlich Demokratische Union/Christlich-Soziale Union (CDU/CSU)

2017, Seite 41: „Wer sein ganzes Leben gearbeitet hat, soll im Alter davon leben können. (…) Unser Ziel bleibt es weiterhin Altersarmut zu vermeiden.“
2013, Seite 45: „CDU und CSU stehen dafür ein, dass die gesetzliche Rente auch in Zukunft stabil und sicher ist.“
2009, Seite 32: „Die gesetzliche Rentenversicherung ist das erfolgreichste Instrument zur Vermeidung von Armut im Alter. Wir sind stolz darauf, dass nur wenige Menschen auf ergänzende Sozialleistungen im Alter angewiesen sind.“ Weiterlesen

Ungleichheit verursacht Kosten

12.01.2018/EG aus dem Blog ÖKONOMENSTIMME, Zürich

Werner Vontobel, Wirtschaftskolumnist, über die wahren Kosten der Ungleichheit

„Je ungleicher die Kaufkraft verteilt ist, desto mehr muss nämlich – und damit sind wir beim dritten Kostenblock – die Wirtschaft bestrebt sein, mit viel Werbeaufwand denen etwas zu verkaufen, die eh schon alles haben. (…)

Ungleichheit ist in der Regel mit einer hierarchischen Organisation der Arbeit verbunden. Dabei wird viel Arbeit mit reiner Überwachung und Bürokratie verschwendet. (…)

Alfred Kleinknecht hat die „angelsächsischen“ Länder mit ihren flexibilisierten Arbeitsmärkten mit den Ländern des „rheinländischen Kapitalismus“ mit relativ starkem Arbeitnehmerschutz, höheren Löhnen und grösserer Arbeitsautonomie verglichen und festgestellt, dass letztere deutlich produktiver sind. Der Vergleich mit 20 Ländern über 44 Jahre zeigt, dass jedes Prozent weniger Lohnerhöhung die Produktivität pro Arbeitsstunde um 0,3 bis 0,5% senkt. Der Hauptgrund dafür liegt gemäss Kleinknecht in der aufgeblähten Bürokratie und an dem durch den häufigen Stellenwechsel bedingten Verlust an betriebsinternem Knowhow.“ oekonomenstimme.org

Zum Thema eine Buchempfehlung:
Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Autoren: Richard Wilkinson und Kate Pickett